Lagermahlzeiten waren zu klein, also bekamen wir drei Mal täglich eine Kugel Butter

Syrian refugee scientists holding hands after attending an integration course in their refugee camp

Architektin Sara* und Informatiker Said* heirateten, bevor sie aus Syrien nach Europa flohen. Ihnen wurde Asyl gewährt und sie wohnen in einem kleinen, aber gemütlichen belgischen Appartement. Er studiert Informatik im Master, sie ist in einem Intensiv-Sprachkurs für Niederländisch. Sie waren so nett, uns zu sich nach Hause einzuladen, wo sie uns über die Lebensbedingungen für Flüchtlinge in Belgien aufklärten.

Essen im belgischen Empfangslager

Sara zuckt mit den Achseln: “Wir waren oft hungrig. Wann immer wir ein wenig Geld übrig hatten, kauften wir Schokolade. Ich hätte eher Pasta gegessen, aber wir hatten im Lager keine Möglichkeit zum Kochen.”

“Die Camp-Leitung wusste, dass das Kantinenessen nicht ausreichte, um unsere Mägen zu füllen. also gaben sie uns ein Stück Butter, das so groß wie eine Eiskugel war, zu jeder Mahlzeit, drei Mal am Tag.”

Ihr Mann springt ein: “Das Essen, das sie uns serviert haben, war kaum essbar, und es war kaum genug für eine Frau, von einem Mann ganz zu schweigen. Die Camp-Leitung wusste, dass das Kantinenessen nicht ausreichte, um unsere Mägen zu füllen. Also gaben sie uns ein Stück Butter, das so groß wie eine Eiskugel war, zu jeder Mahlzeit, drei Mal am Tag. Es war ekelhaft. Sara wurde krank und musste zum Arzt. Er riet ihr, ihre Ernährung umzustellen, aber die Organisation hat es nicht zugelassen.”

Kulturschock

Sara führt über die Lebensbedingungen in dem Flüchtlingslager, in dem sie ein Jahr lang gelebt hatten, weiter aus: “Der Kulturschock war heftig. Das Camp war total überfüllt. Ich störe mich nicht an Leuten aus anderen Ländern, aber zu viel Heterogenität führt zu Problemen. Das schreit geradezu nach Problemen. Am Anfang wurde ich sogar von meinem Mann getrennt! Ich war einem Frauenschlafsaal zugewiesen worden, er zu einem Männerschlafsaal. Einmal hatte ich richtig Angst. Mitten in der Nacht begannen meine Zimmergenossen, ihre Körper mit Öl einzureiben. Ich hatte keine Ahnung, was los war, also stellte mich schlafend! Sie hatten es mir nie erklärt.” Sara sieht voller Unbehagen zu ihrem Ehemann, der entschuldigend lacht.

Mitten in der Nacht begannen meine Zimmergenossen, ihre Körper mit Öl einzureiben. Ich hatte keine Ahnung, was los war, also stellte mich schlafend! Sie hatten es mir nie erklärt.

Nach einer Weile fährt sie fort: “Nach einem Monat wurde ein Doppelzimmer frei und Said und mir wurde erlaubt, zusammen dort einzuziehen. Es gab zwei kleine Betten und einen Wandschrank, mehr nicht. Wir hatten nicht einmal einen Kühlschrank, aber wir hatten einander. Wir hatten keinen Frieden, dennoch. Ich könnte zahlreiche Beispiele nennen.”

Nach einer Denkpause fährt Sara fort:

“Unser Nachbar hat mitten in der Nacht … Musik gehört. Wir haben uns darüber beschwert, aber die Campleitung war nicht dazu in der Lage, die Regeln durchzusetzen. Manchmal gab es Kämpfe. Bestimmte Gruppen wollten beweisen, dass sie stärker als andere waren. Wir wollten nichts damit zu tun haben, sodass wir meistens in unserem Zimmer blieben.”

Said nickt zustimmend: “Manche Leute wollten ihren Lebensstil anderen aufzwingen. Das ist nicht gut. Dagegen müsste es eine Regel oder ein Gesetz geben.” Er seufzt. “Die Organisatoren sollten bedenken, dass Privatsphäre wichtig ist und, dass Leute aus verschiedenen Kulturen nicht permanent aufeinander hocken wollen. Ich meine, wir waren an einem sicheren Ort, aber das war es auch schon. Wir sind dankbar, aber man sollte nicht grundlegende Menschlichkeit vergessen. Das Empfangslager war eine ganz eigene Hölle. Die Hälfte der Schlafsäle bestand aus Zelten. Man kann nicht von einer Person erwarten, dass sie in einem Zelt mit sechs anderen ruhig schläft.”

Ich meine, wir waren an einem sicheren Ort, aber das war es auch schon. Wir sind dankbar, aber man sollte nicht grundlegende Menschlichkeit vergessen. Das Empfangslager war eine ganz eigene Hölle.

“Kurz und knapp gesagt, müssten die Abläufe kürzer werden. Zustände wie im Camp sind für eine kurze Zeit erträglich, aber nicht für ein Jahr”, schließt Sara. “Gut gemeinte Lösungen, wie etwa verschiedene Nationalitäten im gleichen Appartement unterzubringen, macht die Dinge für gewöhnlich eher schlimmer.”

Jobcenter

“Es gibt auch einen gewissen Bedarf an mehr Klarheit”, fügt Sara hinzu. “Niemand konnte uns sagen, wann über unsere Asylanträge entschieden werden konnte. Als wir endlich zu einem Gespräch eingeladen wurden, fuhren wir voller Hoffnung nach Brüssel. Als wir endlich da waren, erklärte man uns, dass unser Termin verschoben wurde. Das haben sie drei Mal gemacht. Wie schwer kann es sein, uns das vorher zu sagen, bevor wir nach Brüssel reisen?”

“Ich kam nach Belgien, um ein aktiver, teilhabender Bürger zu werden, aber das einzige, was mir erlaubt war Warten.”

Nach ein paar entmutigenden Jahren in einem Flüchtlingscamp wurde ihnen Asyl gewährt, aber immer noch schien eine Arbeitsstelle in unerreichbar ferner Zukunft. Stück für Stück erlosch ihr Kampfgeist. “Ich kam nach Belgien, um ein aktiver, teilhabender Bürger zu werden, aber das einzige, was mir erlaubt war Warten. Zuerst werde ich versuchen, mein Zeugnis in Belgien anerkennen zu lassen. Weiter will ich aber noch nicht denken”, sagt Sara mit einem Achselzucken.

Schließlich sagte das Paar uns, dass es Probleme mit dem Jobcenter gäbe. Sie haben das Gefühl, dass das Jobcenter für weniger Gebildete einen hervorragenden Service bietet, aber nicht weiß, wie es mit höher gebildeten Flüchtlingen umgehen soll. Zum Beispiel fragte Sara, ob es für sie Möglichkeiten für Fernkurse gäbe. Ob sie die Creditpoints, die ihr noch fehlen, um ihren syrischen Bachelor anerkennen zu lassen, auf Englisch statt auf Niederländisch machen könnte, was ihr sehr viel Zeit ersparen würde. “Weil es das ist, worum es schlussendlich immer geht”, sagt sie in resolutem Ton, “So schnell wie möglich einen guten Job zu bekommen.”

Empfehlungen von Said und Sara

  • Abläufe verkürzen und mehr Transparenz verschaffen
  • Zunächst: Die wirklichen Grundbedürfnisse befriedigen (wie Essen)- ein entwickeltes Land kann Flüchtlinge nicht bloß mit Butter verpflegen
  • Wenn man Unterkünfte baut und einrichtet, nehmt Rücksicht auf kulturelle Gefühle. Mischt nicht alle durcheinander.
  • Ermöglicht Fernkurse in Englisch.

*Namen aus Datenschützgründen geändert

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