Manche Europäer denken, dass Flüchtlingen aus dem Dschungel kommen

Mustafa Aljaradi (31) kommt ursprünglich aus der Gegend von Raqqa in Syrien. Er ist politischer Flüchtling. In seinem Geburtsland hat er Assads Regime und ISIS stark kritisiert. Er ist aus Angst vor Vergeltung vor drei Jahren in die Türkei geflohen, um dann schlussendlich die Niederlande zu erreichen. Er spürt, dass es seine Pflicht ist, die Welt auf das aufmerksam zu machen, was in Syrien geschieht. Auf Facebook und Twitter (@Mjaradie) zeigt er uns mit Worten und Bildern die schrecklichen Folgen des Syrienkrieges.

Vor seiner Ankunft in den Niederlanden musste Mustafa seine Fingerabdrücke in Deutschland abgeben, was das Verfahren verlangsamte. In den Niederlanden spürte er die Vorurteile und Spaltung in der Flüchtlingsfrage. Daher befürwortet er den Zugang von mehr Hintergrundinformationen für die Öffentlichkeit, damit die individuelle Einstellung zu Flüchtlingen von jedem selbst und anhand von genügend Informationsmaterial überdacht werden kann. In Hinblick auf die Integration glaubt er, dass der beste Weg in eine Gesellschaft hineinzuwachsen der ist, die Sprache zu lernen. Zu diesem Zweck hat er einige praktische Tipps parat.

Ankunft in den Niederlanden

Mustafa erzählt, dass seine Ignoranz hinsichtlich der Folgen der Registrierung seiner Fingerabdrücke in dem europäischen Land seiner Ankunft sein Verfahren verzögert hat. Bevor er vor anderthalb Jahren in den Niederlanden ankam, musste er seine Fingerabdrücke in Deutschland registrieren lassen. Er spricht von der sogenannten Dublin-Verordnung. Mustafa scheint sehr gut über den Inhalt des Abkommens informiert zu sein, das ihm vor seiner Ankunft in Europa nicht bekannt war. Es dauerte mehr als ein Jahr, bis das Niederländische Amt für Einbürgerung und Immigration (INS) eine Einigung mit Deutschland über die Frage erzielt hatte, wer nun für seinen Antrag auf Asyl verantwortlich war.


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Lagermahlzeiten waren zu klein, also bekamen wir drei Mal täglich eine Kugel Butter

Architektin Sara* und Informatiker Said* heirateten, bevor sie aus Syrien nach Europa flohen. Ihnen wurde Asyl gewährt und sie wohnen in einem kleinen, aber gemütlichen belgischen Appartement. Er studiert Informatik im Master, sie ist in einem Intensiv-Sprachkurs für Niederländisch. Sie waren so nett, uns zu sich nach Hause einzuladen, wo sie uns über die Lebensbedingungen für Flüchtlinge in Belgien aufklärten.

Essen im belgischen Empfangslager

Sara zuckt mit den Achseln: “Wir waren oft hungrig. Wann immer wir ein wenig Geld übrig hatten, kauften wir Schokolade. Ich hätte eher Pasta gegessen, aber wir hatten im Lager keine Möglichkeit zum Kochen.”

“Die Camp-Leitung wusste, dass das Kantinenessen nicht ausreichte, um unsere Mägen zu füllen. also gaben sie uns ein Stück Butter, das so groß wie eine Eiskugel war, zu jeder Mahlzeit, drei Mal am Tag.”

Ihr Mann springt ein: “Das Essen, das sie uns serviert haben, war kaum essbar, und es war kaum genug für eine Frau, von einem Mann ganz zu schweigen. Die Camp-Leitung wusste, dass das Kantinenessen nicht ausreichte, um unsere Mägen zu füllen. Also gaben sie uns ein Stück Butter, das so groß wie eine Eiskugel war, zu jeder Mahlzeit, drei Mal am Tag. Es war ekelhaft. Sara wurde krank und musste zum Arzt. Er riet ihr, ihre Ernährung umzustellen, aber die Organisation hat es nicht zugelassen.”

Kulturschock

Sara führt über die Lebensbedingungen in dem Flüchtlingslager, in dem sie ein Jahr lang gelebt hatten, weiter aus: “Der Kulturschock war heftig. Das Camp war total überfüllt. Ich störe mich nicht an Leuten aus anderen Ländern, aber zu viel Heterogenität führt zu Problemen. Das schreit geradezu nach Problemen. Am Anfang wurde ich sogar von meinem Mann getrennt! Ich war einem Frauenschlafsaal zugewiesen worden, er zu einem Männerschlafsaal. Einmal hatte ich richtig Angst. Mitten in der Nacht begannen meine Zimmergenossen, ihre Körper mit Öl einzureiben. Ich hatte keine Ahnung, was los war, also stellte mich schlafend! Sie hatten es mir nie erklärt.” Sara sieht voller Unbehagen zu ihrem Ehemann, der entschuldigend lacht.

Mitten in der Nacht begannen meine Zimmergenossen, ihre Körper mit Öl einzureiben. Ich hatte keine Ahnung, was los war, also stellte mich schlafend! Sie hatten es mir nie erklärt.

Nach einer Weile fährt sie fort: “Nach einem Monat wurde ein Doppelzimmer frei und Said und mir wurde erlaubt, zusammen dort einzuziehen. Es gab zwei kleine Betten und einen Wandschrank, mehr nicht. Wir hatten nicht einmal einen Kühlschrank, aber wir hatten einander. Wir hatten keinen Frieden, dennoch. Ich könnte zahlreiche Beispiele nennen.”

Nach einer Denkpause fährt Sara fort:

“Unser Nachbar hat mitten in der Nacht … Musik gehört. Wir haben uns darüber beschwert, aber die Campleitung war nicht dazu in der Lage, die Regeln durchzusetzen. Manchmal gab es Kämpfe. Bestimmte Gruppen wollten beweisen, dass sie stärker als andere waren. Wir wollten nichts damit zu tun haben, sodass wir meistens in unserem Zimmer blieben.”

Said nickt zustimmend: “Manche Leute wollten ihren Lebensstil anderen aufzwingen. Das ist nicht gut. Dagegen müsste es eine Regel oder ein Gesetz geben.” Er seufzt. “Die Organisatoren sollten bedenken, dass Privatsphäre wichtig ist und, dass Leute aus verschiedenen Kulturen nicht permanent aufeinander hocken wollen. Ich meine, wir waren an einem sicheren Ort, aber das war es auch schon. Wir sind dankbar, aber man sollte nicht grundlegende Menschlichkeit vergessen. Das Empfangslager war eine ganz eigene Hölle. Die Hälfte der Schlafsäle bestand aus Zelten. Man kann nicht von einer Person erwarten, dass sie in einem Zelt mit sechs anderen ruhig schläft.”

Ich meine, wir waren an einem sicheren Ort, aber das war es auch schon. Wir sind dankbar, aber man sollte nicht grundlegende Menschlichkeit vergessen. Das Empfangslager war eine ganz eigene Hölle.

“Kurz und knapp gesagt, müssten die Abläufe kürzer werden. Zustände wie im Camp sind für eine kurze Zeit erträglich, aber nicht für ein Jahr”, schließt Sara. “Gut gemeinte Lösungen, wie etwa verschiedene Nationalitäten im gleichen Appartement unterzubringen, macht die Dinge für gewöhnlich eher schlimmer.”

Jobcenter

“Es gibt auch einen gewissen Bedarf an mehr Klarheit”, fügt Sara hinzu. “Niemand konnte uns sagen, wann über unsere Asylanträge entschieden werden konnte. Als wir endlich zu einem Gespräch eingeladen wurden, fuhren wir voller Hoffnung nach Brüssel. Als wir endlich da waren, erklärte man uns, dass unser Termin verschoben wurde. Das haben sie drei Mal gemacht. Wie schwer kann es sein, uns das vorher zu sagen, bevor wir nach Brüssel reisen?”

“Ich kam nach Belgien, um ein aktiver, teilhabender Bürger zu werden, aber das einzige, was mir erlaubt war Warten.”

Nach ein paar entmutigenden Jahren in einem Flüchtlingscamp wurde ihnen Asyl gewährt, aber immer noch schien eine Arbeitsstelle in unerreichbar ferner Zukunft. Stück für Stück erlosch ihr Kampfgeist. “Ich kam nach Belgien, um ein aktiver, teilhabender Bürger zu werden, aber das einzige, was mir erlaubt war Warten. Zuerst werde ich versuchen, mein Zeugnis in Belgien anerkennen zu lassen. Weiter will ich aber noch nicht denken”, sagt Sara mit einem Achselzucken.

Schließlich sagte das Paar uns, dass es Probleme mit dem Jobcenter gäbe. Sie haben das Gefühl, dass das Jobcenter für weniger Gebildete einen hervorragenden Service bietet, aber nicht weiß, wie es mit höher gebildeten Flüchtlingen umgehen soll. Zum Beispiel fragte Sara, ob es für sie Möglichkeiten für Fernkurse gäbe. Ob sie die Creditpoints, die ihr noch fehlen, um ihren syrischen Bachelor anerkennen zu lassen, auf Englisch statt auf Niederländisch machen könnte, was ihr sehr viel Zeit ersparen würde. “Weil es das ist, worum es schlussendlich immer geht”, sagt sie in resolutem Ton, “So schnell wie möglich einen guten Job zu bekommen.”

Empfehlungen von Said und Sara

  • Abläufe verkürzen und mehr Transparenz verschaffen
  • Zunächst: Die wirklichen Grundbedürfnisse befriedigen (wie Essen)- ein entwickeltes Land kann Flüchtlinge nicht bloß mit Butter verpflegen
  • Wenn man Unterkünfte baut und einrichtet, nehmt Rücksicht auf kulturelle Gefühle. Mischt nicht alle durcheinander.
  • Ermöglicht Fernkurse in Englisch.

*Namen aus Datenschützgründen geändert

Interview mit einer jungen syrischen Geflüchteten in Deutschland: Kulturschock

In Teil I der Interview-Serie mit Sajida haben wir mit ihr über ihre Ankunft in Deutschland gesprochen. Nun geht ihre Geschichte weiter. In Teil II dieser dreiteiligen Serie geht es um das Asylverfahren, Sicherheit und Kulturschocks und ihren Versuch, sich an die neue Situation anzupassen.

Wie darf man sich den Ablauf des Asylverfahrens vorstellen?

Als wir in Deutschland ankamen, füllten wir Anträge aus, um Asyl zu beantragen. Die nächsten Monate über wurden wir gebeten, mehr Informationen zu geben darüber, wer wir waren, wo wir herkamen und warum wir Asyl beantragten. Da wir beweisen konnten, dass wir aus Syrien gekommen waren, mussten wir keine zusätzlichen Papiere ausfüllen.

Andere, die keine entsprechenden Beweise für ihre Identität hatten, mussten hinsichtlich ihrer Herkunft und der Papiere mehr in die Tiefe gehen.

Uns wurde nur gesagt: Wartet. Da ich bereits sehr gut Englisch sprach, hatte ich relativ wenig Probleme mit sprachlichen Barrieren. Aber das ist nicht für alle Flüchtlinge der Fall. Die meisten Flüchtlinge sprechen nur Arabisch, Urdu, Farsi oder andere Sprachen aus dem Mittleren Osten. Das vereinfacht ihr Asylverfahren nicht gerade! Ich übersetzte als Freiwillige Dokumente für die anderen Flüchtlinge ins Arabische und bald war ich den Großteil des Tages mit der Übersetzung beschäftigt.

Fünf Monate nach der Ankunft in Deutschland und nach einigen Terminen bei Gericht (beim Verwaltungsgericht, das für diese Fälle zuständig ist; Anm. d. Übers.), wurde uns schließlich offiziell Asyl gewährt – endlich!

Du hast offizielle Dokumente übersetzt. Kannst du uns mehr darüber erzählen?

Da das Camp klein war, verbreitete sich die Nachricht von meinen Englischkenntnissen sehr schnell. Bald wurde ich nach allen möglichen Arten von Übersetzungen gefragt. Oft habe ich dafür gemeinsam mit unseren Sozialarbeitern zusammengearbeitet (Deutsche, die von der Campleitung angestellt worden waren, Anm. d. Red.). Sie hat vom Deutschen ins Englische und ich dann vom Englischen ins Arabische übersetzt. Auf diese Weise habe ich viele Leute kennengelernt – im Grunde genommen das ganze Camp. (lacht)

Es gab ein Verfahren, um einen Dolmetscher aufzutreiben, aber das hat oft zu lang gedauert. Wenn schnelles Handeln erforderlich war, war ich es, die sich eingebracht hat – kostenlos, versteht sich. Das war nicht immer leicht. Ich fand vor allem medizinische Notfälle schwierig. Wenn es jemandem nicht gut ging, wurde ich manchmal morgens um 3 Uhr gerufen, um als Dolmetscher zwischen Arzt und Patient sprachlich zu vermitteln.

Du scheinst deinen Weg gefunden zu haben. Hast du anfangs einen Kulturschock erlitten?

Es ging mir gut. (lacht) Die ersten Deutschen, die ich traf, waren die Sicherheitsleute im Camp. Sie waren überall: im Schlafbereich, in der Kantine, du sagst es! Ich habe viel mit ihnen gesprochen. Bald konnten wir einschätzen, wer nett war zu uns und wer nicht. Wir machten uns daraus ein Spiel – das war ein Spaß für uns. Mit der Zeit habe ich mich sogar mit einigen von ihnen angefreundet.

Hinsichtlich der kulturellen Unterschiede zwischen uns war ich über die Schnelligkeit, in der Leute aus dem Westen Liebesbeziehungen eingehen. In Syrien lernen sich die Leute erst ausführlich kennen. Sie haben dort auch sicherlich keinen Körperkontakt.

Wo die Kulturen am stärksten zusammengestoßen sind, das war nicht zwischen mir und den Deutschen, sondern mit bestimmten anderen Gruppen von Migranten. Nicht jeder war gleich respektvoll. Solange ich ihnen den notwendigen Platz gewährte, blieb alles friedlich. Da ich niemanden brandmarken will, würde ich es jedoch vorziehen, keine bestimmten Gruppen zu benennen. Einige Spannungen sind historisch gewachsen. Sicher, ich bin auch nicht absolut objektiv. Nichtsdestotrotz ist es mir wichtig, dass die Idee, dass alle Flüchtlinge dieselbe Kultur hätten, falsch ist. Selbst in Syrien gibt es große Unterschiede. Oft bin ich dazu in der Lage, auf der Grundlage von nur ein paar Merkmalen mit Sicherheit zu sagen, ob jemand aus Aleppo oder Damaskus stammt. (lacht)

Scheinbar war nicht jeder im Camp gleichermaßen respektvoll. Kannst du uns ein paar Beispiele dafür geben?

Einige Leute sind regelmäßig mit den Wachleuten aneinander geraten. Entweder, weil sie untereinander gekämpft haben, oder, weil sie die Wachleute provoziert und herausgefordert haben. Viele von ihnen haben das hauptsächlich aus Langeweile gemacht, was natürlich keine Entschuldigung sein soll. Einige von ihnen hatten einfach keine Geduld. Für alles, was man bekam, ob Essen oder Kleidung, musste man stundenlang anstehen, aber nicht jeder hat das gekonnt. Daher mussten die Wachleute oft eingreifen, um die Ordnung wieder herzustellen.

Im zweiten Camp war alles viel ruhiger. Trotzdem war immer viel los. (lacht)

Manchmal kam es vor, dass ein Paar sich lautstark stritt oder dass jemand die Polizei ohne Grund gerufen hat. Es gab sporadische Kämpfe, vor allem, wenn die Männer unter Alkoholeinfluss standen. Ich glaube, dass viele angefangen haben zu trinken infolge all dessen, was sie haben durchmachen müssen, aber die Mehrheit hat auch schon in den Ursprungsländern getrunken. Andere wurden vielleicht durch die Freiheit des Westens in Versuchung geführt. Ich weiß es nicht.

Hast du dich je unsicher gefühlt?

Nein, wir haben alle gut zusammengelebt. Männer und Frauen waren nie getrennt, auch nicht in den Schlafsälen. Ich hatte damit nie ein Problem. Das heißt nicht, dass ich alles erlaubt habe. Abends habe ich immer meine Tür abgeschlossen. Ich habe mich außerdem von Leuten ferngehalten, die Ärger gemacht haben. Nichts Besonderes, glaube ich. Überall kann etwas passieren, ob du nun in einem Flüchtlingscamp bist oder nicht.

Ich habe gute Erinnerungen an meinen Aufenthalt. Alles verlief absolut harmonisch. Trotzdem kam die Polizei einmal meinetwegen. An meinem Geburtstag habe ich mich nicht angemessen verhalten (lacht verlegen). Es war eigentlich keine große Sache, aber trotzdem …

Die Polizei kam also deinetwegen? Bist du kein Musterbürger?

Ich würde mich selbst nicht so bezeichnen! (lacht) Wie viele andere junge Leute handele ich manchmal etwas voreilig. Aber jetzt, da du fragst, kommen mir die Erinnerungen wieder sehr lebendig in den Sinn! (lacht verlegen).

Es war an meinem Geburtstag und im Camp war absolut nichts zu tun. Es war sehr langweilig dort! Ich hatte den Einfall, hinauszugehen und ein Lagerfeuer zu machen. Gemeinsam um das Feuer herumzusitzen, machte wirklich Spaß! Hinter unserem Camp war eine Wiese mit einer kleinen Feuerstelle. Ich habe einige Freunde eingeladen, mit mir dorthin zu gehen. Es war wirklich nett. Wir haben Tee gemacht und am prasselnden Feuer gequatscht. Als es Abend wurde, haben wir Lieder gesungen. Meine Freunde hatten alle einige Geschenke gebracht. Wer liebt das nicht!

Wie auch immer. Es stellte sich heraus: Die Wiese war Privatgrund! Nun, da ich darüber nachdenke, hätte ich es auch wissen können. (lacht beschämt).

Es war niemandes Garten oder so, aber es gab ein Holzhäuschen nahebei. Es gab auch einen Zaun. Es war frei zugänglich, aber trotzdem … wir haben nicht darüber nachgedacht und glaubten, es sei ein öffentlicher Park.

Wie sich herausstellte, hatte jemand die Polizei gerufen. Als sie ankamen, war ich so beschämt, dass ich im Boden versinken wollte. Es war schließlich meine Idee gewesen! Meine Freunde hatten Angst, dass das einen negativen Einfluss auf ihr Asylverfahren haben könnte. Ich selbst war deswegen weniger besorgt. Wir hatten keinen Ärger gemacht. Das einzige, was wir getan hatten, war, Tee zu trinken. Die Polizei hat deswegen glücklicherweise keinen großen Wirbel gemacht. Sie haben unsere persönlichen Angaben aufgenommen und ich habe erklärt, dass es meine Schuld war: Ich hatte alle zu meinem Geburtstag eingeladen.

Wir sind schließlich mit einer Verwarnung davon gekommen.

Einblicke einer jungen syrischen Geflüchteten in Deutschland: Ankunft

In diesem packenden Interview teilt RefuTales-Gründerin Sajida Altaya ihre Erfahrungen als Flüchtling mit ihren Co-Gründern Dorien Dierckx und Cornelius Roemer. Teil I dieser dreiteiligen Serie handelt von ihrer Reise nach Deutschland und ihren ersten Monaten hier.

Warum hast du Syrien verlassen?

Meine Familie und ich fühlten uns dort nicht mehr sicher. Im Sommer 2014 wurde die Stadt, in der ich aufgewachsen bin und die etwa eine Stunde Autofahrt südlich von Damaskus entfernt liegt, zum Schauplatz von Kämpfen zwischen Regierungstruppen und Rebellen. Dies hatte zur Folge, dass wir nach Damaskus gingen in der Hoffnung, dass es dort ruhiger sein würde.

Aber auch dort war die Lage gefährlich und so entschieden wir nach einem Monat, nach Europa zu fliehen wie so viele andere auch. Es war unmöglich geworden, das Leben normal weiterzuführen. Meine Schwester entschied sich, mit ihrem Ehemann in Damaskus zu bleiben, aber wir nahmen ihre jüngste Tochter mit uns in der Hoffnung, dass meine Schwester uns später folgen könnte.

Das erste Ziel auf unserer Reise war die Türkei. Eigentlich wollten wir direkt nach Europa gehen, aber aus diversen Gründen hatte das nicht geklappt. So strandeten wir zunächst in der Türkei, wo wir für 10 Monate blieben.

Wie kam es, dass du schließlich in Deutschland gelandet bist und was geschah nach deiner Ankunft?

Nach einer wochenlangen Reise von der Türkei aus zu Fuß und mit dem Zug erreichten wir Österreich. Wir wurden von den österreichischen Beamten gefragt, wo wir hin wollten.

Als wir sagten, dass wir nach Deutschland, wurden ich und meine Schwester (nicht diejenige, die in Damaskus geblieben war, Anm. d. Redaktion) gemeinsam mit anderen Flüchtlingen in einen Eisenbahnwaggon verfrachtet, der in ein Aufnahmelager in Eisenhüttenstadt in Ostdeutschland fuhr.

Dort blieben wir 22 Tage. Es war dort sehr überfüllt. Hunderte von Menschen lebten dort und jeden Tag kamen immer und immer mehr Menschen an. Wir teilten unser Zimmer mit zwei anderen Mädchen. Insbesondere waren wir froh, dass wir beisammen waren. Bevor wir uns einleben konnten, wurden wir medizinisch untersucht. Meine Schwester schien Fieber zu haben und wurde daher für einige Nächte zurück ins Krankenhaus geschickt. Glücklicherweise war das nicht weit vom Lager entfernt, sodass ich sie oft besuchen konnte.

Die Behörden gaben uns eine Art Ausweis, der uns erlaubte, uns frei zu bewegen und das Camp zu betreten und zu verlassen und diente zugleich als Gutschein für drei Mahlzeiten am Tag. Wir bekamen Taschengeld und Kleider, obwohl wir stundenlang dafür Schlange stehen mussten. Angesichts der Tatsache, dass wir nur unzureichende Kleidung mitgenommen hatten, bekamen wir sofort wärmere.

Obwohl es Winter war, mussten wir draußen warten. Das war ziemlich hart, da wir nicht an die Temperaturen gewöhnt waren. Als wir endlich (warme) Pullover bekamen, waren wir bereits komplett durchgefroren.

Ihr bekamt Taschengeld. Was habt ihr damit gemacht?

Das meiste davon gaben wir für Shisha-Zubehör aus. (lacht) Von Zeit zu Zeit kauften wir auch zusätzliche Kleider.

Pro Person bekamen wir 35 € pro Woche. Das gab uns eine gewisse Freiheit. Nah bei unserem Camp gab es ein großes Shopping Center. Wir machten dort meistens Schaufenster-Bummel, was sehr lustig war. Nach ein paar Tagen hatten wir genug vom Essen im Camp und wir waren froh, als wir gelegentlich eine kleine Abwechslung durch McDonalds hatten. (lacht)

Konnten du und deine Schwester zusammenbleiben?

Ja, es war unerheblich, mit wem ich zusammen war oder die Zeit verbrachte. Wir hatten immer Sorge, dass wir getrennt werden könnten, aber die Chance dazu war gering. Obwohl wir am selben Tag ankamen, war die Chance gering, aber dennoch waren wir deswegen besorgt. Niemand konnte uns garantieren, dass wir ins selbe Camp kamen.

Im Grunde wussten wir nie wirklich, was als nächstes mit uns geschehen würde. Die Unsicherheit war schwierig für uns. Das einzige, was wir tun konnten, war, zu warten.

Jeden Tag gab es neue Ankündigungen darüber, wer in das neue Camp gehen sollte – ein im Vergleich zum Willkommens-Camp, in dem wir uns immer noch aufhielten, eher dauerhaftes Camp.

Jeden Tag überprüften wir die Listen. Nach 22 Tagen konnten wir endlich weiterziehen. Das neue Camp war mehr oder weniger dasselbe wie zuvor, außer, dass es dort sehr viel sauberer war. (lacht)

Es gab dort auch weniger Leute und jeder hatte sein eigenes Zimmer. Das war eine echte Verbesserung.

Wie sah ein typischer Tag im neuen Camp aus?

Es war sehr in Ordnung. Meistens verbrachte ich die Zeit mit anderen Syrern. Wir kamen zusammen, tranken Tee, rauchten Shisha und spielten Karten. Am Anfang sprachen wir viel miteinander, aber bald gingen uns die Themen aus. Insgesamt war unser Leben recht monoton.

Es gab keine Kantine mehr, aber wir hatten genug Geld, uns unser eigenes Essen zu kaufen. Wir hatten auch eine Küche, in der wir uns Essen kochten. Es fühlte sich fast wie ein richtiges Zuhause an. Unglücklicherweise war es uns von Rechts wegen nicht erlaubt, zu arbeiten. Einige Leute arbeiteten trotzdem schwarz.

Von Zeit zu Zeit wurde wir von NGOs oder Freiwilligen aus der Gegend besucht. Sie wollten uns dabei helfen, uns einzugewöhnen und Deutschland ein wenig kennenzulernen. Sie erzählten uns aus ihrem Leben und nahmen uns auf Ausflüge mit. Ich schätzte das sehr! Es war eine schöne Art, meine ersten Schritte in meinem neuen Zuhause zu machen.

Im zweiten Camp hatten wir Deutschkurse, aber die interessierten mich nicht wirklich. Ich ging dort meistens nur hin, um die Zeit totzuschlagen. Heute sehe ich ihren Wert trotzdem. Ich erwarb Grundkenntnisse. Ich hoffe, dass ich bald besser Deutsch sprechen kann.