Flüchtlinge sollten Netflix-Konto mit ausschließlich deutscher Synchronisation bekommen damit Sprachenlernen Spaß macht

RefuTales-Gründerin und syrische Geflüchtete Sajida Altaya (rechts) möchte nicht nur ihre persönliche Geschichte erzählen oder eine Meinung mitteilen, sondern auch eine Kostprobe ihrer Kultur geben. Und dabei nimmt sie das Wort Kostprobe sehr wörtlich. Ihrer Ansicht nach lernt man Menschen durch ihre Küche und gemeinsames Essen am besten kennen. Stolz lud sie daher die Mitgründer von RefuTales zu einem typischen syrischen Abendessen zu ihrer Familie nach Stuttgart ein.

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Syrischer Ingenieur: “Integrationskursen helfen nicht bei Integration”

Architektin Sara* und Software-Entwickler Said* sind aus Syrien nach Europa geflohen. Ihnen wurde Asyl gewährt und sie leben nun in einem kleinen, aber gemütlichen belgischen Appartement. Er studiert Informatik im Master, sie besucht einen Intensivkurs Niederländisch. Die beiden waren so nett, uns zu sich nach Hause einzuladen, wo sie uns über ihre Schwierigkeiten berichtet haben, einen Job zu finden.

Herzliches Willkommen

Die beiden lockeren Dreißiger Sara und Said waren damit einverstanden, uns in ihrem belgischen Appartement zu treffen. Da wir uns nie zuvor begegnet waren, wussten wir nicht, was uns erwartete. Ein kleiner Aufzug brachte uns den Weg bis ins oberste Stockwerk eines Wohnblocks und verstärkte so die Anspannung, die wir sowieso schon fühlten. Es war unser erstes echtes Interview.

Sie empfingen uns mit einem Lächeln. Das Paar wirkte ein wenig schüchtern, aber auch irgendwie glücklich über unser Interesse an seiner Geschichte. Nachdem sie uns die Mäntel abgenommen hatten, luden sie uns herzlich in ihr Wohnzimmer ein, wo wir mit frischem Obst empfangen wurden. Es fühlte sich an, als würden wir uns schon ewig kennen.

Sie flohen nach Europa eine Woche nach der Hochzeit, indem sie dem unberechenbaren Mittelmeer nur mit einem Gummiboot trotzten.

Said und Sara haben offen über ihre Leben gesprochen. Sie hatten sich zu Beginn des syrischen Bürgerkrieges kennengelernt, als sie als Architektin und er als Informatiker gearbeitet hatten. Als die Situation in Damaskus für sie unerträglich wurde, entschieden sie sich, zu heiraten. Eine Woche nach der Hochzeit flohen sie nach Europa, indem sie dem unberechenbaren Mittelmeer nur mit einem Gummiboot trotzten.

Glück und Lebensfreude

Als wir ihnen Komplimente für die Einrichtung ihrer Wohnung machten, war das Eis gebrochen. Beide strahlten nur so vor Stolz. Eine Wohnung zu finden, erwies sich als schwierig:

“Wir hatten erst einen anderen Mietvertrag unterschrieben, aber der Vermieter änderte seine Meinung und wollte nicht an Flüchtlinge vermieten. Sie verwendeten nicht diese exakten Worte, aber darauf lief es schlussendlich hinaus. Auch wenn wir das Recht auf unserer Seite hatten, wollten wir einen Rechtsstreit um jeden Preis vermeiden. So ließen wir die Wohnung sausen und suchten nach einer Alternative”, erzählte Sara uns.

Sie sprachen freimütig über all die herzlichen Belgier, die sie kennengelernt hatten, ebenso wie den Bruder von Said, der schon für eine Weile in Belgien gelebt hatte: “Wir haben uns hier mittlerweile ein gutes Netzwerk aufgebaut”, erzählt uns Said stolz.

Wenn wir beide Arbeit haben, werden wir vielleicht eine Familie gründen … Wer weiß

Als wir sie nach ihrem größten Traum befragen, waren sie einer Meinung:

“Wieder arbeiten gehen zu können in einem anständigen Job, und zwar so bald wie möglich!” Eben weil sie in Syrien vor dem Krieg ein sehr erfolgreiches Leben geführt hatten, ist die Tatsache, dass das nun in Belgien unmöglich ist, eine harte Realität. “Wenn wir beide Arbeit haben, werden wir vielleicht eine Familie gründen … Wer weiß”, fügt Said vorsichtig hinzu.

Während ihre positive Einstellung und ihre Dankbarkeit uns auffallen, bitten wir sie um konstruktive Kritik hinsichtlich ihrer Behandlung und der Situation in Belgien.

Arbeitssuche

‘Syrische Arbeitserfahrung’, scheint unzureichend zu sein, selbst für einen Job wie Informatiker, in dem immer Leute gesucht werden. Die vielen Bewerbungen, die die beiden versandt haben, bleiben unbeantwortet. Said studiert nun in einem Master in Informatik, gelehrt in Englisch, an einer belgischen Universität, ebenso belegt er einen Niederländischkurs. “Ich weiß nicht, ob das ausreicht”, sagt er besorgt. “Es gibt 40 andere Schüler in meinem Kurs!”

Ich bin überzeugt, dass ich den Master auf Englisch problemlos abschließen könnte. Sie sollten uns eine Chance geben.

Auch wenn Sara für einige Jahre als Architektin gearbeitet hat, kann auch sie keine Arbeit finden. Ein Masterabschluss von einer europäischen Universität scheint essenziell zu sein. Zehn Jahre nach ihrem Abschluss muss sie ihre Bücher wieder hervorholen und lernen. Zu ihrer großen Enttäuschung kann sie auch damit nicht anfangen; ihr auf fünf Jahre angelegter syrischer Bachelorabschluss wird nicht voll anerkannt. Um ein Äquivalent zu einem belgischen Bachelor-Abschluss zu haben, muss sie 40 Creditpoints im Bauingenieurwesen erreichen (mehr oder weniger ein halbes Jahr, Anm. d. Red.). Leider werden diese Kurse nur auf Niederländisch (oder Französisch) angeboten.

Arabisch ist eher wie Deutsch. Unsere Lehrer sagen, dass ihr es nicht auf die Weise, in der wir es sagen, ausdrücken kann

“Ich bin überzeugt, dass ich den Master auf Englisch problemlos abschließen könnte. Sie sollten uns eine Chance geben”, seufzt sie. “Ich muss erst von Null an ein Niveau von C 1 in Niederländisch erreichen – das heißt, die Sprache fließend zu beherrschen. Das ist nicht einfach, gerade mit Arabisch also Muttersprache. Die Aussprache ist so schwierig, vor allem der Buchstabe “g”! Wir sprechen es wie “ch” aus: ‘dertich ‘ statt ‘dertig’. Arabisch ist eher wie Deutsch. Unsere Lehrer sagen: “Ihr könnt es nicht so sagen wie wir!” Sie lächelt. “Nur, wenn ich das Level C 1 in Niederländisch erreiche, kann ich die benötigten Creditpoints bekommen, um gerade einmal meinen Master zu beginnen! Das wird Jahre brauchen. Das ist so ineffektiv und unnötig!”

Integrationskurse

Sara holt ihren Stundenplan hervor und zeigt auf das Fach ‘Nederlandskunde’, das Teil ihres Intensivsprachkurses ist. “Hier bringen sie uns das bei, was wir auch schon in den Integrationskursen gelernt haben”, sagt sie enttäuscht. “Ich lerne nichts Neues, aber mir wird immer noch keine Befreiung angeboten.”

Bei Integrationskursen geht es nicht um Integration. Sie bauen eine Mauer zwischen Flüchtlingen und Gesellschaft auf

“Bei Integrationskursen”, fügt Said hinzu,”geht es nicht um Integration. Du lernst etwas über die Geschichte Belgiens und wie die Versicherung funktioniert. Jeder kann diese Informationen online finden. Nach einer schnellen Googlesuche wissen wir alles.”

Da wird er von seiner Frau unterbrochen: “Ich glaube, wir wissen mehr über Belgien als die Belgier selbst!”

Said fährt fort: “Allerdings. Es wäre besser, wenn es so eine Art Praktika gäbe, die man für uns organisiert. In einem Integrationskurs erwarte ich, dass man mich in den belgischen Alltag hinein wirft, aber das ist ganz und gar nicht der Fall. In Wahrheit bauen diese ‘Integrationskurse’ eine Mauer zwischen Flüchtlingen und Gesellschaft. Zwei Klassen von Leuten werden geschaffen: Du bist entweder Flüchtling oder Belgier. Ich glaube wirklich, dass das besser wäre. Unsere Nachbarn laden uns als Said und Sara ein, nicht als Flüchtlinge. Das nenne ich Integration!”

“Unser Taschengeld, 7, 40 € in der Woche, wurde vor allem für Bustickets ausgegeben”

Das Paar stellt den Wert von Integrationskursen in Frage und bemerkt auch, dass das Pendeln für sie nicht einfach war: “Wir mussten 30 Minuten zur Haltestelle laufen, nur um uns dort mit einer langen Fahrt konfrontiert zu sehen. Wir hatten 3 Stunden lang Unterricht, nach dem wir dann zum Lager zurück mussten. Unser Taschengeld, 7, 40 € in der Woche, wurde vor allem für Bustickets ausgegeben. Trotz der täglichen Herausforderungen, zum Unterricht zu kommen, entschieden sie, uns zwei anderen Niederländischkursen zuzuweisen, die ebenso wenig erreichbar waren.”

Wir schätzten ihre Offenheit. Später sprachen wir mit ihnen auch über die Lebensbedingungen in belgischen Flüchtlingscamps.

*Das Paar wollte anonym bleiben. Ihre Identitäten sind RefuTales bekannt.

Die Empfehlungen von Said und Sara

  • Erlaubt syrischen Bachelor-Absolventen, sich für einen Master zu qualifizieren
  • Integrationskurse sollten gute Möglichkeiten für die Integration bieten, zum Beispiel durch organisierte Praktika. In den Empfangslagern gibt es nur wenig Kontakt mit Europäern. Warum warten, bis Asyl gewährt wird?
  • Auf die Art und Weise, in der “Integrationskurse” derzeit organisiert sind, wird eine Mauer zwischen Flüchtlingen und Belgiern aufgebaut: Du bist entweder Flüchtling oder Belgier. Das könnte besser sein.
  • Wenn es Kurse gibt, müssen die einfach vom Lager aus zu erreichen sein.