Interview mit einer jungen syrischen Geflüchteten in Deutschland: Integration

In Teil I und II unserer Interview-Serie mit Sajida haben wir über das Asylverfahren und Kulturschocks gesprochen. Jetzt geht die Geschichte weiter. Der dritte und finale Teil handelt von den sexuellen Überfälle, das Deutschlernen und ihren Kampf darum, ihr Studium in Europa fortzusetzen

Das letzte Mal haben wir über Respektlosigkeit gesprochen. Was ging dir durch den Kopf, also du von den Angriffen in der Silvesternacht in Köln gehört hast?

Ich war natürlich geschockt!

Es dauerte eine Weile, bis die Nachricht auch unser Camp erreichten. Weil keiner meiner Nachbarn die Nachrichten verfolgten, habe ich es über Hörensagen erfahren. Es war hart. Ich fragte mich immer wieder: Warum? Warum würde irgendwer so etwas tun? Ich habe es nicht verstanden. Ich tue es immer noch nicht. Ich weiß, dass Menschen zu Grausamkeiten fähig sind. Schau dir nur an, was in Syrien geschieht … aber massenhafte sexuelle Angriffe? Nein, ich konnte es nicht begreifen. Mein Herz blutete.

Nach dem ersten Schock wurden mir langsam all die Konsequenzen bewusst. Einige befreundete Asylbewerber befürchteten, dass wir dafür verantwortlich gemacht werden würden. Das führte zu sehr erhitzten Diskussionen. Wir verfluchten die Täter für ihre Verbrechen und dafür, dass sie unsere Integration behindern würden. Unsere Träume von einer erfolgreichen Zukunft schien zerschellt. Die Sehnsucht nach Gerechtigkeit war immens. Jeder wollte, dass die Tatsachen aufgeklärt werden würden. Wir überlegten: Wer waren die Täter? Ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass jemand aus meinem Camp dafür verantwortlich wäre. Es waren alles so gute Leute. Wer zur Hölle tat so etwas?

Ich tat mein Bestes, um den Vorfall zu begreifen. Vielleicht waren es keine “neuen” Flüchtlinge, aber “alte” – Leute, die unter anderen Umständen hierher kamen. Vielleicht gibt es ein kulturelles Problem. In manchen Regionen haben Männer kaum Respekt vor Frauen. Das sollte nicht übersehen werden. Was war ihre Nationalität? Natürlich, kriminelles Verhalten kann nicht allein durch Kultur erklärt werden. Jeder bleibt selbst verantwortlich für sein Verhalten. Trotzdem kann man nicht leugnen, dass es da ein grundlegendes Problem gibt. Die Täter können nicht nur als ‘Perverse mit Machtkomplex’ abgetan werden. Wer sind sie? Warum haben sie das getan? Wie können wir solche Fälle vermeiden?

Du hast uns erzählt, dass du nach fünf Monaten Asyl bekommen hast. Was geschah dann?

Nachdem uns einmal Asyl gewährt wurde, hatten ich und meine Familie Anspruch auf eine Sozialwohnung. Wir zogen gemeinsam nach Stuttgart. Ich musste mich beim Jobcenter melden (ein reguläres Zentrum auch für alle deutschen Bürger, die Unterstützung beziehen, und nicht speziell für Flüchtlinge, Anmerkung d. Übers.), wo ich über meine Pläne und Ziele befragt wurde. Ich war sehr froh darüber. Endlich wurde ich als jemand behandelt, der einen Job sucht und nicht wie jemand, der nur passiv nach Hilfe fragt!

Flüchtlinge zu einer Arbeitsstelle oder einem Kurs zu begleiten, der zu ihnen passt, ist ein großartiger Service. Nicht so großartig war, dass diese Termine einen ganzen Monat beanspruchten. Ich wollte so bald wie möglich anfangen, aber es war mir nicht erlaubt. Das war ziemlich demotivierend.”

Bist du von einem Termin zum nächsten gegangen oder hat der Papierkram beim Jobcenter so lange gedauert?

Das kommt auf den Teil des Verfahrens an. Manchmal musste ich als Kurier zwischen den verschiedenen Stellen agieren. Wenn mir bei einem eine Bescheinigung ausgestellt wurde, musste ich mich beim nächsten anstellen, um es dort abzugeben. Es gab dort scheinbar keinerlei interne Kommunikation. (lacht ironisch)

An manchen Tagen kam ich für Gespräche, an anderen hatte ich Anträge und Papiere auszufüllen.

Bei meinem ersten Gespräch erwähnte ich, dass ich mein Studium beenden wollte. Das stellte sich als komplizierter als erwartet heraus. Bei meinem dritten Termin wurde mir gesagt, dass ich nicht ohne gute Deutschkenntnisse (Niveau C1) studieren könnte. Auf Englisch zu studieren, wurde mir nicht angeboten.

Sie haben mich behandelt, als würde ich keinerlei eigenen Einsatz für meine Integration erbringen. Das ist ziemlich verletzend. Zum Beispiel wurde ich auf einen Deutschkurs verwiesen mit den Worten, ‘dass sie wüssten, wenn ich nicht dort hinginge’ Das ist so herablassend!

Eigentlich hatten sie erwartet, dass ich die deutsche Sprache bereits beinahe perfekt beherrschte (nachdem ich fünf Monate lang in einem Flüchtlingscamp war, Anm. d. Red.). Als ich beim Jobcenter war, haben manche Mitarbeiter auf Deutsch geantwortet, auch wenn sie Englisch sprachen und ich mit ihnen Englisch gesprochen habe. Ich bin nicht undankbar, aber das stört mich etwas zu sehr! Da ich den Prozess so schnell wie möglich hinter mich bringen wollte, habe ich stets nach jemandem gesucht, der trotzdem bereit war, Englisch mit mir zu sprechen. Das war nicht einfach. Als ich endlich jemanden gefunden hatte, mussten sie sich immer noch an den Gedanken gewöhnen. Daher war die Konversation oft ein wenig unterkühlt. (lacht)

Es kam auch vor, dass anstatt auf Englisch zu antworten, mir gesagt wurde, dass ‘ich mir selbst einen Übersetzer suchen sollte’ Manche Jobcenter hatten Übersetzer, die einige Male hinzugezogen wurden, die aber nicht jedem, der Hilfe gebraucht hätte, helfen konnten.

Alles in allem hat es nicht viel gebracht.

Momentan studierst du, richtig?

Ja. Schließlich bin ich mit Kiron in Kontakt gekommen, wo ich nun auch mit einem Teilzeit-Vertrag beschäftigt bin. Kiron kann am besten als ‘die Flüchtlings-Universität’ beschrieben werden. Durch eine Kombination aus Maschinenbau – MOOCS (massive open online courses, Online -Vorlesungen, Anm. d. Übers.) und einen eingehenden Deutschkurs bin ich darauf vorbereitet, an einer normalen deutschen Universität zu studieren. Das ist eine großartige Initiative! Nach zwei Jahren des Online – Studiums soll ich das C1-Level in Deutsch erreichen (die Sprache fließend beherrschen, Anm. der Redaktion)

Auch, wenn ich nichts anderes tue, als Kiron zu loben, verliere ich immer noch viel Zeit und habe immer noch nicht die so wichtige universitäre Umgebung. Idealerweise würde ich mich an einer richtigen Universität einschreiben. Die Ineffizienz des Systems fängt an, mich zu frustrieren! Ich weiß, dass jeder es gut mit mir meint, aber ich will doch einfach nur mein neues Leben so bald wie möglich beginnen!

Warum bin ich eigentlich so an Deutschland gebunden? Wenn man mir anbieten würde, auf Englisch zu studieren, würde ich sofort anfangen. Ich würde in einen anderen EU-Mitgliedsstaat zum Studium ziehen!