Integrationskurslehrer: Keine Integration ohne Achtung der Grundwerte

Abdeslam El Ghamri hat marokkanische Wurzeln und lebt seit 1995 in Belgien. Er beschreibt sich selbst als “glücklich verheiratet und Vater von 4 Kindern”. Zusätzlich zu seiner Familie hat seine Arbeit große Bedeutung für ihn. Als Lehrer für gesellschaftliche Integration beim belgischen Regierungsbüro hilft er Neuankömmlingen dabei ihren Weg in der belgischen Gesellschaft zu finden.

Da er selbst Migrant war, kennt er die Hindernisse und Möglichkeiten seiner Schüler genau. So macht ihn seine eigene Migrationserfahrung zu einem exzellenten Lehrer. Zusätzlich zu seinem Charisma ist er ein großartiger Schriftsteller. Der folgende Artikel zeigt sein Engagement für unsere multikulturelle Gesellschaft.

Lasst uns alle Tabus in Integrationskursen diskutieren

Abgesehen vom schlechten Wetter, ist und bleibt Belgien für mich eines der schönsten Länder Europas. Nicht, weil das Leben hier besser wäre als anderswo, aber es werden Demokratie, Freiheit und die Gleichheit der Bürger tatsächlich gelebt. Jedermann ist hier gleich viel wert unabhängig von Rasse, Hautfarbe, Religion, Geschlecht, etc. Es gibt Solidarität zwischen den Starken und den Schwachen mit Respekt für jedes menschliche und tierische Wesen.

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Interview mit einer jungen syrischen Geflüchteten in Deutschland: Integration

In Teil I und II unserer Interview-Serie mit Sajida haben wir über das Asylverfahren und Kulturschocks gesprochen. Jetzt geht die Geschichte weiter. Der dritte und finale Teil handelt von den sexuellen Überfälle, das Deutschlernen und ihren Kampf darum, ihr Studium in Europa fortzusetzen

Das letzte Mal haben wir über Respektlosigkeit gesprochen. Was ging dir durch den Kopf, also du von den Angriffen in der Silvesternacht in Köln gehört hast?

Ich war natürlich geschockt!

Es dauerte eine Weile, bis die Nachricht auch unser Camp erreichten. Weil keiner meiner Nachbarn die Nachrichten verfolgten, habe ich es über Hörensagen erfahren. Es war hart. Ich fragte mich immer wieder: Warum? Warum würde irgendwer so etwas tun? Ich habe es nicht verstanden. Ich tue es immer noch nicht. Ich weiß, dass Menschen zu Grausamkeiten fähig sind. Schau dir nur an, was in Syrien geschieht … aber massenhafte sexuelle Angriffe? Nein, ich konnte es nicht begreifen. Mein Herz blutete.

Nach dem ersten Schock wurden mir langsam all die Konsequenzen bewusst. Einige befreundete Asylbewerber befürchteten, dass wir dafür verantwortlich gemacht werden würden. Das führte zu sehr erhitzten Diskussionen. Wir verfluchten die Täter für ihre Verbrechen und dafür, dass sie unsere Integration behindern würden. Unsere Träume von einer erfolgreichen Zukunft schien zerschellt. Die Sehnsucht nach Gerechtigkeit war immens. Jeder wollte, dass die Tatsachen aufgeklärt werden würden. Wir überlegten: Wer waren die Täter? Ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass jemand aus meinem Camp dafür verantwortlich wäre. Es waren alles so gute Leute. Wer zur Hölle tat so etwas?

Ich tat mein Bestes, um den Vorfall zu begreifen. Vielleicht waren es keine “neuen” Flüchtlinge, aber “alte” – Leute, die unter anderen Umständen hierher kamen. Vielleicht gibt es ein kulturelles Problem. In manchen Regionen haben Männer kaum Respekt vor Frauen. Das sollte nicht übersehen werden. Was war ihre Nationalität? Natürlich, kriminelles Verhalten kann nicht allein durch Kultur erklärt werden. Jeder bleibt selbst verantwortlich für sein Verhalten. Trotzdem kann man nicht leugnen, dass es da ein grundlegendes Problem gibt. Die Täter können nicht nur als ‘Perverse mit Machtkomplex’ abgetan werden. Wer sind sie? Warum haben sie das getan? Wie können wir solche Fälle vermeiden?

Du hast uns erzählt, dass du nach fünf Monaten Asyl bekommen hast. Was geschah dann?

Nachdem uns einmal Asyl gewährt wurde, hatten ich und meine Familie Anspruch auf eine Sozialwohnung. Wir zogen gemeinsam nach Stuttgart. Ich musste mich beim Jobcenter melden (ein reguläres Zentrum auch für alle deutschen Bürger, die Unterstützung beziehen, und nicht speziell für Flüchtlinge, Anmerkung d. Übers.), wo ich über meine Pläne und Ziele befragt wurde. Ich war sehr froh darüber. Endlich wurde ich als jemand behandelt, der einen Job sucht und nicht wie jemand, der nur passiv nach Hilfe fragt!

Flüchtlinge zu einer Arbeitsstelle oder einem Kurs zu begleiten, der zu ihnen passt, ist ein großartiger Service. Nicht so großartig war, dass diese Termine einen ganzen Monat beanspruchten. Ich wollte so bald wie möglich anfangen, aber es war mir nicht erlaubt. Das war ziemlich demotivierend.”

Bist du von einem Termin zum nächsten gegangen oder hat der Papierkram beim Jobcenter so lange gedauert?

Das kommt auf den Teil des Verfahrens an. Manchmal musste ich als Kurier zwischen den verschiedenen Stellen agieren. Wenn mir bei einem eine Bescheinigung ausgestellt wurde, musste ich mich beim nächsten anstellen, um es dort abzugeben. Es gab dort scheinbar keinerlei interne Kommunikation. (lacht ironisch)

An manchen Tagen kam ich für Gespräche, an anderen hatte ich Anträge und Papiere auszufüllen.

Bei meinem ersten Gespräch erwähnte ich, dass ich mein Studium beenden wollte. Das stellte sich als komplizierter als erwartet heraus. Bei meinem dritten Termin wurde mir gesagt, dass ich nicht ohne gute Deutschkenntnisse (Niveau C1) studieren könnte. Auf Englisch zu studieren, wurde mir nicht angeboten.

Sie haben mich behandelt, als würde ich keinerlei eigenen Einsatz für meine Integration erbringen. Das ist ziemlich verletzend. Zum Beispiel wurde ich auf einen Deutschkurs verwiesen mit den Worten, ‘dass sie wüssten, wenn ich nicht dort hinginge’ Das ist so herablassend!

Eigentlich hatten sie erwartet, dass ich die deutsche Sprache bereits beinahe perfekt beherrschte (nachdem ich fünf Monate lang in einem Flüchtlingscamp war, Anm. d. Red.). Als ich beim Jobcenter war, haben manche Mitarbeiter auf Deutsch geantwortet, auch wenn sie Englisch sprachen und ich mit ihnen Englisch gesprochen habe. Ich bin nicht undankbar, aber das stört mich etwas zu sehr! Da ich den Prozess so schnell wie möglich hinter mich bringen wollte, habe ich stets nach jemandem gesucht, der trotzdem bereit war, Englisch mit mir zu sprechen. Das war nicht einfach. Als ich endlich jemanden gefunden hatte, mussten sie sich immer noch an den Gedanken gewöhnen. Daher war die Konversation oft ein wenig unterkühlt. (lacht)

Es kam auch vor, dass anstatt auf Englisch zu antworten, mir gesagt wurde, dass ‘ich mir selbst einen Übersetzer suchen sollte’ Manche Jobcenter hatten Übersetzer, die einige Male hinzugezogen wurden, die aber nicht jedem, der Hilfe gebraucht hätte, helfen konnten.

Alles in allem hat es nicht viel gebracht.

Momentan studierst du, richtig?

Ja. Schließlich bin ich mit Kiron in Kontakt gekommen, wo ich nun auch mit einem Teilzeit-Vertrag beschäftigt bin. Kiron kann am besten als ‘die Flüchtlings-Universität’ beschrieben werden. Durch eine Kombination aus Maschinenbau – MOOCS (massive open online courses, Online -Vorlesungen, Anm. d. Übers.) und einen eingehenden Deutschkurs bin ich darauf vorbereitet, an einer normalen deutschen Universität zu studieren. Das ist eine großartige Initiative! Nach zwei Jahren des Online – Studiums soll ich das C1-Level in Deutsch erreichen (die Sprache fließend beherrschen, Anm. der Redaktion)

Auch, wenn ich nichts anderes tue, als Kiron zu loben, verliere ich immer noch viel Zeit und habe immer noch nicht die so wichtige universitäre Umgebung. Idealerweise würde ich mich an einer richtigen Universität einschreiben. Die Ineffizienz des Systems fängt an, mich zu frustrieren! Ich weiß, dass jeder es gut mit mir meint, aber ich will doch einfach nur mein neues Leben so bald wie möglich beginnen!

Warum bin ich eigentlich so an Deutschland gebunden? Wenn man mir anbieten würde, auf Englisch zu studieren, würde ich sofort anfangen. Ich würde in einen anderen EU-Mitgliedsstaat zum Studium ziehen!

 

Interview mit einer jungen syrischen Geflüchteten in Deutschland: Kulturschock

In Teil I der Interview-Serie mit Sajida haben wir mit ihr über ihre Ankunft in Deutschland gesprochen. Nun geht ihre Geschichte weiter. In Teil II dieser dreiteiligen Serie geht es um das Asylverfahren, Sicherheit und Kulturschocks und ihren Versuch, sich an die neue Situation anzupassen.

Wie darf man sich den Ablauf des Asylverfahrens vorstellen?

Als wir in Deutschland ankamen, füllten wir Anträge aus, um Asyl zu beantragen. Die nächsten Monate über wurden wir gebeten, mehr Informationen zu geben darüber, wer wir waren, wo wir herkamen und warum wir Asyl beantragten. Da wir beweisen konnten, dass wir aus Syrien gekommen waren, mussten wir keine zusätzlichen Papiere ausfüllen.

Andere, die keine entsprechenden Beweise für ihre Identität hatten, mussten hinsichtlich ihrer Herkunft und der Papiere mehr in die Tiefe gehen.

Uns wurde nur gesagt: Wartet. Da ich bereits sehr gut Englisch sprach, hatte ich relativ wenig Probleme mit sprachlichen Barrieren. Aber das ist nicht für alle Flüchtlinge der Fall. Die meisten Flüchtlinge sprechen nur Arabisch, Urdu, Farsi oder andere Sprachen aus dem Mittleren Osten. Das vereinfacht ihr Asylverfahren nicht gerade! Ich übersetzte als Freiwillige Dokumente für die anderen Flüchtlinge ins Arabische und bald war ich den Großteil des Tages mit der Übersetzung beschäftigt.

Fünf Monate nach der Ankunft in Deutschland und nach einigen Terminen bei Gericht (beim Verwaltungsgericht, das für diese Fälle zuständig ist; Anm. d. Übers.), wurde uns schließlich offiziell Asyl gewährt – endlich!

Du hast offizielle Dokumente übersetzt. Kannst du uns mehr darüber erzählen?

Da das Camp klein war, verbreitete sich die Nachricht von meinen Englischkenntnissen sehr schnell. Bald wurde ich nach allen möglichen Arten von Übersetzungen gefragt. Oft habe ich dafür gemeinsam mit unseren Sozialarbeitern zusammengearbeitet (Deutsche, die von der Campleitung angestellt worden waren, Anm. d. Red.). Sie hat vom Deutschen ins Englische und ich dann vom Englischen ins Arabische übersetzt. Auf diese Weise habe ich viele Leute kennengelernt – im Grunde genommen das ganze Camp. (lacht)

Es gab ein Verfahren, um einen Dolmetscher aufzutreiben, aber das hat oft zu lang gedauert. Wenn schnelles Handeln erforderlich war, war ich es, die sich eingebracht hat – kostenlos, versteht sich. Das war nicht immer leicht. Ich fand vor allem medizinische Notfälle schwierig. Wenn es jemandem nicht gut ging, wurde ich manchmal morgens um 3 Uhr gerufen, um als Dolmetscher zwischen Arzt und Patient sprachlich zu vermitteln.

Du scheinst deinen Weg gefunden zu haben. Hast du anfangs einen Kulturschock erlitten?

Es ging mir gut. (lacht) Die ersten Deutschen, die ich traf, waren die Sicherheitsleute im Camp. Sie waren überall: im Schlafbereich, in der Kantine, du sagst es! Ich habe viel mit ihnen gesprochen. Bald konnten wir einschätzen, wer nett war zu uns und wer nicht. Wir machten uns daraus ein Spiel – das war ein Spaß für uns. Mit der Zeit habe ich mich sogar mit einigen von ihnen angefreundet.

Hinsichtlich der kulturellen Unterschiede zwischen uns war ich über die Schnelligkeit, in der Leute aus dem Westen Liebesbeziehungen eingehen. In Syrien lernen sich die Leute erst ausführlich kennen. Sie haben dort auch sicherlich keinen Körperkontakt.

Wo die Kulturen am stärksten zusammengestoßen sind, das war nicht zwischen mir und den Deutschen, sondern mit bestimmten anderen Gruppen von Migranten. Nicht jeder war gleich respektvoll. Solange ich ihnen den notwendigen Platz gewährte, blieb alles friedlich. Da ich niemanden brandmarken will, würde ich es jedoch vorziehen, keine bestimmten Gruppen zu benennen. Einige Spannungen sind historisch gewachsen. Sicher, ich bin auch nicht absolut objektiv. Nichtsdestotrotz ist es mir wichtig, dass die Idee, dass alle Flüchtlinge dieselbe Kultur hätten, falsch ist. Selbst in Syrien gibt es große Unterschiede. Oft bin ich dazu in der Lage, auf der Grundlage von nur ein paar Merkmalen mit Sicherheit zu sagen, ob jemand aus Aleppo oder Damaskus stammt. (lacht)

Scheinbar war nicht jeder im Camp gleichermaßen respektvoll. Kannst du uns ein paar Beispiele dafür geben?

Einige Leute sind regelmäßig mit den Wachleuten aneinander geraten. Entweder, weil sie untereinander gekämpft haben, oder, weil sie die Wachleute provoziert und herausgefordert haben. Viele von ihnen haben das hauptsächlich aus Langeweile gemacht, was natürlich keine Entschuldigung sein soll. Einige von ihnen hatten einfach keine Geduld. Für alles, was man bekam, ob Essen oder Kleidung, musste man stundenlang anstehen, aber nicht jeder hat das gekonnt. Daher mussten die Wachleute oft eingreifen, um die Ordnung wieder herzustellen.

Im zweiten Camp war alles viel ruhiger. Trotzdem war immer viel los. (lacht)

Manchmal kam es vor, dass ein Paar sich lautstark stritt oder dass jemand die Polizei ohne Grund gerufen hat. Es gab sporadische Kämpfe, vor allem, wenn die Männer unter Alkoholeinfluss standen. Ich glaube, dass viele angefangen haben zu trinken infolge all dessen, was sie haben durchmachen müssen, aber die Mehrheit hat auch schon in den Ursprungsländern getrunken. Andere wurden vielleicht durch die Freiheit des Westens in Versuchung geführt. Ich weiß es nicht.

Hast du dich je unsicher gefühlt?

Nein, wir haben alle gut zusammengelebt. Männer und Frauen waren nie getrennt, auch nicht in den Schlafsälen. Ich hatte damit nie ein Problem. Das heißt nicht, dass ich alles erlaubt habe. Abends habe ich immer meine Tür abgeschlossen. Ich habe mich außerdem von Leuten ferngehalten, die Ärger gemacht haben. Nichts Besonderes, glaube ich. Überall kann etwas passieren, ob du nun in einem Flüchtlingscamp bist oder nicht.

Ich habe gute Erinnerungen an meinen Aufenthalt. Alles verlief absolut harmonisch. Trotzdem kam die Polizei einmal meinetwegen. An meinem Geburtstag habe ich mich nicht angemessen verhalten (lacht verlegen). Es war eigentlich keine große Sache, aber trotzdem …

Die Polizei kam also deinetwegen? Bist du kein Musterbürger?

Ich würde mich selbst nicht so bezeichnen! (lacht) Wie viele andere junge Leute handele ich manchmal etwas voreilig. Aber jetzt, da du fragst, kommen mir die Erinnerungen wieder sehr lebendig in den Sinn! (lacht verlegen).

Es war an meinem Geburtstag und im Camp war absolut nichts zu tun. Es war sehr langweilig dort! Ich hatte den Einfall, hinauszugehen und ein Lagerfeuer zu machen. Gemeinsam um das Feuer herumzusitzen, machte wirklich Spaß! Hinter unserem Camp war eine Wiese mit einer kleinen Feuerstelle. Ich habe einige Freunde eingeladen, mit mir dorthin zu gehen. Es war wirklich nett. Wir haben Tee gemacht und am prasselnden Feuer gequatscht. Als es Abend wurde, haben wir Lieder gesungen. Meine Freunde hatten alle einige Geschenke gebracht. Wer liebt das nicht!

Wie auch immer. Es stellte sich heraus: Die Wiese war Privatgrund! Nun, da ich darüber nachdenke, hätte ich es auch wissen können. (lacht beschämt).

Es war niemandes Garten oder so, aber es gab ein Holzhäuschen nahebei. Es gab auch einen Zaun. Es war frei zugänglich, aber trotzdem … wir haben nicht darüber nachgedacht und glaubten, es sei ein öffentlicher Park.

Wie sich herausstellte, hatte jemand die Polizei gerufen. Als sie ankamen, war ich so beschämt, dass ich im Boden versinken wollte. Es war schließlich meine Idee gewesen! Meine Freunde hatten Angst, dass das einen negativen Einfluss auf ihr Asylverfahren haben könnte. Ich selbst war deswegen weniger besorgt. Wir hatten keinen Ärger gemacht. Das einzige, was wir getan hatten, war, Tee zu trinken. Die Polizei hat deswegen glücklicherweise keinen großen Wirbel gemacht. Sie haben unsere persönlichen Angaben aufgenommen und ich habe erklärt, dass es meine Schuld war: Ich hatte alle zu meinem Geburtstag eingeladen.

Wir sind schließlich mit einer Verwarnung davon gekommen.