“Ich möchte einfach nur Visum für die Türkei”

Hussein ist allein von Aleppo nach Deutschland gereist. Er hat in Deutsch bereits das Sprachlevel B1 erreicht und ist eifrig dabei, seine Kenntnisse weiter zu verbessern. Das einzige was für ihn schwierig ist, ist die Trennung von seiner Familie. Husseins Bruder und seine Familie leben derzeit in der Türkei. Er steht mit ihnen in Kontakt, bekommt aber kein Visum, um sie zu besuchen.

“Voneinander getrennt zu sein ist nicht leicht, aber wir können nichts machen. Ich habe mich entschieden, hierher nach Deutschland zu kommen. Und ich habe es nie bereut. Es ist schön hier. Ich muss die Konsequenzen meines Handelns tragen.
Wenn ich heiraten würde, könnte ich meine Frau durch den Familiennachzug nach Deutschland holen. Das gilt aber nicht für meine Eltern.

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Einblicke einer jungen syrischen Geflüchteten in Deutschland: Ankunft

In diesem packenden Interview teilt RefuTales-Gründerin Sajida Altaya ihre Erfahrungen als Flüchtling mit ihren Co-Gründern Dorien Dierckx und Cornelius Roemer. Teil I dieser dreiteiligen Serie handelt von ihrer Reise nach Deutschland und ihren ersten Monaten hier.

Warum hast du Syrien verlassen?

Meine Familie und ich fühlten uns dort nicht mehr sicher. Im Sommer 2014 wurde die Stadt, in der ich aufgewachsen bin und die etwa eine Stunde Autofahrt südlich von Damaskus entfernt liegt, zum Schauplatz von Kämpfen zwischen Regierungstruppen und Rebellen. Dies hatte zur Folge, dass wir nach Damaskus gingen in der Hoffnung, dass es dort ruhiger sein würde.

Aber auch dort war die Lage gefährlich und so entschieden wir nach einem Monat, nach Europa zu fliehen wie so viele andere auch. Es war unmöglich geworden, das Leben normal weiterzuführen. Meine Schwester entschied sich, mit ihrem Ehemann in Damaskus zu bleiben, aber wir nahmen ihre jüngste Tochter mit uns in der Hoffnung, dass meine Schwester uns später folgen könnte.

Das erste Ziel auf unserer Reise war die Türkei. Eigentlich wollten wir direkt nach Europa gehen, aber aus diversen Gründen hatte das nicht geklappt. So strandeten wir zunächst in der Türkei, wo wir für 10 Monate blieben.

Wie kam es, dass du schließlich in Deutschland gelandet bist und was geschah nach deiner Ankunft?

Nach einer wochenlangen Reise von der Türkei aus zu Fuß und mit dem Zug erreichten wir Österreich. Wir wurden von den österreichischen Beamten gefragt, wo wir hin wollten.

Als wir sagten, dass wir nach Deutschland, wurden ich und meine Schwester (nicht diejenige, die in Damaskus geblieben war, Anm. d. Redaktion) gemeinsam mit anderen Flüchtlingen in einen Eisenbahnwaggon verfrachtet, der in ein Aufnahmelager in Eisenhüttenstadt in Ostdeutschland fuhr.

Dort blieben wir 22 Tage. Es war dort sehr überfüllt. Hunderte von Menschen lebten dort und jeden Tag kamen immer und immer mehr Menschen an. Wir teilten unser Zimmer mit zwei anderen Mädchen. Insbesondere waren wir froh, dass wir beisammen waren. Bevor wir uns einleben konnten, wurden wir medizinisch untersucht. Meine Schwester schien Fieber zu haben und wurde daher für einige Nächte zurück ins Krankenhaus geschickt. Glücklicherweise war das nicht weit vom Lager entfernt, sodass ich sie oft besuchen konnte.

Die Behörden gaben uns eine Art Ausweis, der uns erlaubte, uns frei zu bewegen und das Camp zu betreten und zu verlassen und diente zugleich als Gutschein für drei Mahlzeiten am Tag. Wir bekamen Taschengeld und Kleider, obwohl wir stundenlang dafür Schlange stehen mussten. Angesichts der Tatsache, dass wir nur unzureichende Kleidung mitgenommen hatten, bekamen wir sofort wärmere.

Obwohl es Winter war, mussten wir draußen warten. Das war ziemlich hart, da wir nicht an die Temperaturen gewöhnt waren. Als wir endlich (warme) Pullover bekamen, waren wir bereits komplett durchgefroren.

Ihr bekamt Taschengeld. Was habt ihr damit gemacht?

Das meiste davon gaben wir für Shisha-Zubehör aus. (lacht) Von Zeit zu Zeit kauften wir auch zusätzliche Kleider.

Pro Person bekamen wir 35 € pro Woche. Das gab uns eine gewisse Freiheit. Nah bei unserem Camp gab es ein großes Shopping Center. Wir machten dort meistens Schaufenster-Bummel, was sehr lustig war. Nach ein paar Tagen hatten wir genug vom Essen im Camp und wir waren froh, als wir gelegentlich eine kleine Abwechslung durch McDonalds hatten. (lacht)

Konnten du und deine Schwester zusammenbleiben?

Ja, es war unerheblich, mit wem ich zusammen war oder die Zeit verbrachte. Wir hatten immer Sorge, dass wir getrennt werden könnten, aber die Chance dazu war gering. Obwohl wir am selben Tag ankamen, war die Chance gering, aber dennoch waren wir deswegen besorgt. Niemand konnte uns garantieren, dass wir ins selbe Camp kamen.

Im Grunde wussten wir nie wirklich, was als nächstes mit uns geschehen würde. Die Unsicherheit war schwierig für uns. Das einzige, was wir tun konnten, war, zu warten.

Jeden Tag gab es neue Ankündigungen darüber, wer in das neue Camp gehen sollte – ein im Vergleich zum Willkommens-Camp, in dem wir uns immer noch aufhielten, eher dauerhaftes Camp.

Jeden Tag überprüften wir die Listen. Nach 22 Tagen konnten wir endlich weiterziehen. Das neue Camp war mehr oder weniger dasselbe wie zuvor, außer, dass es dort sehr viel sauberer war. (lacht)

Es gab dort auch weniger Leute und jeder hatte sein eigenes Zimmer. Das war eine echte Verbesserung.

Wie sah ein typischer Tag im neuen Camp aus?

Es war sehr in Ordnung. Meistens verbrachte ich die Zeit mit anderen Syrern. Wir kamen zusammen, tranken Tee, rauchten Shisha und spielten Karten. Am Anfang sprachen wir viel miteinander, aber bald gingen uns die Themen aus. Insgesamt war unser Leben recht monoton.

Es gab keine Kantine mehr, aber wir hatten genug Geld, uns unser eigenes Essen zu kaufen. Wir hatten auch eine Küche, in der wir uns Essen kochten. Es fühlte sich fast wie ein richtiges Zuhause an. Unglücklicherweise war es uns von Rechts wegen nicht erlaubt, zu arbeiten. Einige Leute arbeiteten trotzdem schwarz.

Von Zeit zu Zeit wurde wir von NGOs oder Freiwilligen aus der Gegend besucht. Sie wollten uns dabei helfen, uns einzugewöhnen und Deutschland ein wenig kennenzulernen. Sie erzählten uns aus ihrem Leben und nahmen uns auf Ausflüge mit. Ich schätzte das sehr! Es war eine schöne Art, meine ersten Schritte in meinem neuen Zuhause zu machen.

Im zweiten Camp hatten wir Deutschkurse, aber die interessierten mich nicht wirklich. Ich ging dort meistens nur hin, um die Zeit totzuschlagen. Heute sehe ich ihren Wert trotzdem. Ich erwarb Grundkenntnisse. Ich hoffe, dass ich bald besser Deutsch sprechen kann.